Wie entstehen Faszien? 4 häufige Fragen (beantwortet)

Wie entstehen Faszien? 4 häufige Fragen (beantwortet)

veröffentlicht am 14.07.2022

Faszien entstehen durch komplexe Prozesse in verschiedenen Zellen unseres Körpers.

Für den Aufbau und die Gesunderhaltung unserer Faszien ist die extrazelluläre Matrix von besonderer Bedeutung.

Diese versorgt das Gewebe mit allen wichtigen Nährstoffen und Bestandteilen.

Bei der Geburt sind die Strukturen bereits überwiegend angelegt. Dennoch entwickeln sich unsere Faszien während unseres ganzen Lebens weiter.

Was du über die Entstehung von Faszien wissen musst, erfährst du jetzt.

1. Wie bilden sich Faszien?

Um zu verstehen, wie sich Faszien bilden, ist ein Verständnis für den Aufbau dieses besonderen Gewebes wichtig.

So bestehen sie in erster Linie aus Kollagen- und elastischen Fasern, Bindegewebszellen sowie der sogenannten Grundsubstanz [1] [2].

Wie die Bildung von Faszien genau funktioniert, kann an dieser Stelle nur stark vereinfacht dargestellt werden.

Dafür ist der menschliche Stoffwechsel viel zu komplex und die Ausführungen gelten auch nur für gesunde Menschen.

Bestimmte Erkrankungen können nämlich dafür sorgen, dass die Wachstumsprozesse im Faszien- und Bindegewebe anders ablaufen als gewöhnlich.

Das grundlegende Wissen um eine gesunde Faszienbildung kann aber dazu beitragen, auch diese Erkrankungen besser zu verstehen.

Kollagen ist ein Hauptbestandteil des Bindegewebes und findet sich auch in der Haut oder den Hüllen der Blutgefäße.

Diese Faserproteine sind ein wichtiger Bestandteil der Faszien und machen etwa 30 Prozent unseres Körpers aus [3].

Kollagene werden u.a. in verschiedenen Zellen des Binde-, Knorpel- und Knochengewebes hergestellt.

Dazu reihen die Zellen tausende Aminosäuren an, bis aus diesem Strang letztlich eine Kollagenfaser gebildet werden kann [4].

Die Bildung von Kollagen wird als Biosynthese bezeichnet, wobei verschiedene Kollagen-Typen mit unterschiedlichen Zusammensetzungen und Eigenschaften entstehen – je nach „Anwendungszweck“ im Organismus.

Dazu braucht der Körper Energie und Nährstoffe, die überwiegend mit der Nahrung aufgenommen werden.

Die verschiedenen Kollagen-Typen bestehen in erster Linie aus den Aminosäuren namens Prolin, Hydroxyprolin und Glycin.

Kollagene finden sich zusammen mit der Grundsubstanz, einer Art Nährlösung, in der extrazellulären Matrix (EZM). Und diese Matrix ist für die Bildung und den Erhalt von Faszien entscheidend.

Die Matrix hängt eng mit den Faszien zusammen, da diese daraus ihre Nährstoffe erhalten – und diese Nährstoffe werden benötigt, um neues Gewebe zu bilden.

Neben den Kollagenen finden sich in der EZM auch die Eiweiße Elastin und Fibrillin, aus denen die elastischen Fasern der Faszien aufgebaut werden.

Vereinfacht ausgedrückt nutzt der Körper also verschiedene Stoffwechsel-, Auf- und Umbauprozesse, um aus den Bestandteilen der EZM neue Faszienstrukturen zu bilden.

Genau diese Prozesse macht sich das Faszientraining (insbesondere mit der Faszienrolle) zunutze, um den Aufbau und die Regeneration anzuregen.

2. Wann entstehen Faszien?

Das Fasziensystem wird bereits im Mutterleib angelegt.

Die für die Aufrechterhaltung unserer Körperfunktionen notwendige Kollagenbildung vollzieht sich aber ein Leben lang, auch wenn die Faszien mit zunehmendem Alter an Elastizität verlieren.

Welche Strukturen wann genau gebildet werden, hängt vom Alter und Entwicklungsstand ab.

Je älter wir werden, desto weniger neues Kollagen bildet sich, da die Stoffwechselprozesse in den Zellen immer langsamer ablaufen [5].

Da es sich bei der Bildung von Faszien um sehr komplexe entwicklungsbiologische Prozesse handelt, beginnen wir am besten ganz von vorne: Einige Monate vor der Geburt.

Nach der Definition der Fascia Research Society besteht dieses System aus der gesamten Hülle des anatomisch abgrenzbaren Bindegewebes.

Dazu gehört das weiche Bindegewebe, welches faseriges, lockeres und dichtes Kollagen enthält [6].

Zudem werden noch viele weitere Strukturen dazugezählt, insbesondere die tiefen und oberflächlichen Faszien.

Diese ganzen Elemente bilden sich nach der Befruchtung der Eizelle hauptsächlich aus dem sogenannten Mesoderm, dem mittlerem Keimblatt [7].

Dieser Prozess findet im Zuge der Somitogenese statt und startet etwa ab dem zwanzigsten Tag nach der Befruchtung.

Bei Wirbeltieren wie uns Menschen ist die Somitogenese ein besonders wichtiger Zeitpunkt in der embryonalen Entwicklung.

Denn dabei entstehen die sogenannten Somiten, aus denen Skelettmuskeln, Hautgewebe und eben auch Sehnen sowie die meisten Faszien hervorgehen [8]. Dabei stellen aber die Gesichts- und Halsfaszien eine Ausnahme dar.

Diese bilden sich nämlich aus einer anderen embryonalen Gewebestruktur, den mesenchymalen Zellen. Hieraus entwickeln sich auch die meisten anderen Bindegewebszellen [5].

Daran wird deutlich, wie schwierig es ist, für die Bildung des Fasziensystems einen konkreten Zeitpunkt zu benennen.

Schließlich finden sich die Bindegewebszellen auch in den Faszien, sodass diese Entstehungsprozesse fließend ineinander übergehen.

In der embryonalen Entwicklung werden aber auf jeden Fall die wichtigsten Strukturen angelegt, sodass diese bei der Geburt bereits vorhanden sind. Die Faszien entwickeln sich danach noch ein Leben lang weiter.

3. Wann sind Faszien vollständig entwickelt?

Bis Faszien im allgemeinen Verständnis vollständig entwickelt sind, dauert es, bis wir etwa 25 Jahre alt sind.

Erst dann ist das Wachstum abgeschlossen, was natürlich auch die bindegewebigen Anteile unseres Körpers betrifft.

Bis dahin müssen die Faszien Wachstumsschübe und den natürlichen Bewegungsdrang von Kindern und Jugendlichen aushalten, das häufig mit einem höheren Verletzungsrisiko einhergeht.

Daher sollten Faszien und Bindegewebe in jungen Jahren noch wesentlich geschmeidiger sein als bei Erwachsenen.

Im Laufe des Wachstums kommt es nämlich zu starken Veränderungen.

Ein berühmtes Beispiel ist die Fontanelle, die bei der Geburt noch aus hartem Bindegewebe besteht und sich erst nach einigen Monaten in Knochen verwandelt.

Das Verknöchern der Fontanelle ist ein natürlicher und sehr wichtiger Prozess. Doch auch Verletzungen oder Entzündungen können zu (unerwünschten) Verknöcherungen des Bindegewebes führen.

4. Haben nur Menschen Faszien?

Nicht nur Menschen haben Faszien, sondern praktisch alle sogenannten Gewebetiere bilden entsprechende Kollagen- und Bindegewebsstrukturen. Das heißt, fast alle mehrzelligen Tiere besitzen Faszien.

Lediglich bestimmte Tierarten wie Schwämme werden nicht zu dieser Gruppe gezählt.

Doch sogar diese Lebensformen bilden vergleichbare Strukturen, zum Beispiel weisen auch Orangen oder Mandarinen elastische Häute auf, die ähnliche Funktionen wie Bindegewebe und Faszien erfüllen.

Wenn du Fleisch isst, sind dir bestimmt schon einmal diese dünnen, weißen Häute aufgefallen, die verschiedene Muskelzonen voneinander abgrenzen. Dabei handelt es sich um Faszien.

Deswegen sind Faszientraining und -therapie auch in der Tiermedizin mittlerweile weit verbreitet.

Bei uns Säugetieren dienen die Faszien insbesondere der Kraftübertragung und der Stabilisierung.

Sie sind eine grundlegende Bedingung für Beweglichkeit und Körperwahrnehmung.

Ein gesundes Fasziensystem ist für unsere vierbeinigen Freunde daher genauso wichtig wie für uns Menschen.

Quellen

1. https://www3.unifr.ch/apps/med/elearning/de/bindegewebe/sfa/d-sfa.php (letzter Zugriff am 11.07.2022)

2. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/koerper/bewegungsapparat/faszien.html (letzter Zugriff am 11.07.2022)

3. Schleip R, Bayer J. Faszien-Fitness: Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport. München: Riva, 2014

4. Shoulders MD, Raines RT. Collagen structure and stability. Annu Rev Biochem 2009; 78: 929–58

5. Junqueira LC, Carneiro J. Bindegewebe. In: Junqueira LC, Carneiro J (Hrsg.). Histologie. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, 1986: 126–52

6. Schleip R, Hedley G, Yucesoy CA. Fascial nomenclature: Update on related consensus process. Clin Anat 2019; 32: 929–33

7. Vieira L. Embryology of the fascial system. Cureus 2020; 12: e10134

8. Gilbert SF. Developmental biology, 9th. ed. Sunderland, Mass.: Sinauer, 2010

Verwandte Artikel: